Warum Akkordeschrammeln pädagogisch wertvoll ist ...


erschienen bei www.gitarrenlinks.de

Bis zu einem gewissen Zeitpunkt meiner Gitarrenlehrertätigkeit habe ich zu jenen gehört, die vom Akkorde-
schrammeln in der I.Lage nichts hielten. Stattdessen wollte ich den Schülern von Anfang an die Kunst des
klassischen Gitarrenspiels oder des virtuosen Solospiels auf der E-Gitarre beibringen.

Mit zunehmender Unterrichtspraxis jedoch wurde ich das Gefühl nicht mehr los, gegen eine gewisse Schwerkraft
zu arbeiten. Ich gestand mir ein, dass das von mir vertretene gitarristische Bildungsideal und die Realität
irgendwie nicht recht zueinander paßten. Außerdem plagten mich Gewissensbisse, ob ich möglicherweise an
einigen meiner damaligen Schüler das schlimmste Verbrechen begangen habe, das ein Musiklehrer im Dienst
begehen kann: die Lust auf’s Musizieren ein für allemal zu verderben.
Bis dahin reichten mir die üblichen Ausreden der Diplom-Musik-Pädagogen-Zunft. Etwa, dass die faulen Schüler
nicht genug üben, dass die Eltern gefälligst mit dem Rohrstock am Notenpult stehen sollen oder dass die heutigen
Menschen keinen Sinn mehr für das Schöne und die Kunst haben. An wem liegt es, wenn die Fische nicht beißen?
Am Angler, an den Fischen oder am Köder?

Ich tippte auf letzteres. Ich begann mir mein Unterrichtsmaterial selber zu erstellen. Ein Ergebnis dieser mehr-
jährigen Arbeit liegt nun u.a. als Gitarren-Lern-Software namens Gitarrero Beginner vor.

Meine grundsätzliche Einsicht war: Um Musik zu machen, muss man kein Künstler sein. Die Lehrmethoden im
Instrumentalunterrichts sollten nicht ( wie immer noch üblich) an einer künstlerischen Laufbahn sondern an der
praktischen musikalischen Lebenswelt ausgerichtet werden.

Die gestandenen Gitarrenlehrer werden vielleicht dagegen halten, dass der Instrumentalunterricht von jeher
etwas Elitäres war, weil nun mal Wille, Talent und Übung dazugehören. Das mag historisch gesehen richtig sein,
aber die Zeiten haben sich geändert. Musikhören und Musikmachen sind mit der Entwicklung der Unterhaltungs-
medien zwei getrennte Dinge geworden. Das war noch vor 100 Jahren ganz anders. Wo damals Musik erklang,
mußte auch jemand da sein, der sie erzeugte.

Ein für den Musikpädagogen ganz bedeutsamer Umstand ist, dass heutzutage weit weniger gesungen wird als
früher. Kirche, Schule, Feste, Kneipen, Militär - Singen war einst so alltäglich wie das Sprechen. Früher haben
die Leute bei der Arbeit gesungen, heute stellt man auf der Baustelle das Radio an.
Im Grunde kann jeder singen, zumindest mitsingen. Genauso wie meiner Meinung nach jeder normale Mensch
auf der Gitarre ein paar Akkorde zu einem Song spielen könnte. Dafür braucht man nicht lange Noten und korrekte
Fingerhaltung zu lernen. Und eigentlich braucht man dafür auch keinen Gitarrenunterricht – vorausgesetzt, dass
es eine einigermaßen gut entwickelte Musizierkultur in der Gesellschaft gibt. Da sieht es schlecht aus.
In musikalischen Kulturen saugen die Kinder musikalische Grundfertigkeiten sozusagen mit der Muttermilch auf.
Das ist bei uns anders. Ein Gitarrenschüler bringt heute zwar jede Menge Hörerfahrungen mit, aber es mangelt an
elementarster praktischer Vorbildung.

Konkret sehe ich Schwächen vor allem im Rhythmusgefühl. Die Musik, die wir meistens hören, ist rhythmisch
raffiniert. An der Ampelkreuzung stehen Autos aus denen hundertstelgenaue Bassdrumbeats dröhnen. Der HipHop
zerhackt unsere Sprache in exakte rhythmische Werte, wir alle hören das täglich. Trotzdem mangelt es vielen
Schülern am Anfang ihrer Ausbildung am simpelsten Taktgefühl. Wenn im Radio 23 Stunden am Tag Lieder mit
4/4- Drumbeat erklingen, könnte man ja denken, dass die Schüler auch ohne Mitzählen die Eins finden.
Doch dem ist oft nicht so.

Nächster Problempunkt wäre das harmonische Empfinden. Wann wechselt bei einer einfachen Melodie die
Harmonie?
Ein erfolgreicher Popproduzent kann es sich ja heute kaum noch leisten, mehr als 4 Akkorde in einem Song zu
verwenden. Also würde man auch hier tippen, dass die von Kleinauf beschallten Menschen wenigstens 2 dieser
4 Akkorde innerlich empfinden könnten. Aber weit gefehlt. Das muss in den meisten Fällen gelernt und geübt
werden.

Es ist mir völlig egal, ob irgendwo eine Statistik darüber existiert, wie sich die in den Instrumentalunterricht
mitgebrachten Fähigkeiten vor 10, 50 oder 200 Jahren zu heute verhalten. Fakt ist, dass es die Probleme sind, mit
denen ich mich rumschlage oder besser gesagt, rumgeschlagen habe.
Wir kommen jetzt nämlich auf den Ausgangspunkt zurück: Gerade das von den Koryphäen verachtete Griffeklampfen
ist das beste Rezept, um dem heutigen Durchschnittsschüler den Einstieg ins Musikmachen effektiv zu ermöglichen.
Wir schlagen mit einer Klappe nicht nur mehrere sondern alle Fliegen, die es im erfolgreichen Anfangsunterricht
zu schlagen gibt.

Wie das? Ich erkläre.

Rhythmus ist nicht erst in der populären Musik das A und O. Wir haben eine begrenzte Anzahl von Tönen, aber
eine unbegrenzte Anzahl von Rhythmen. Wenn ich einem Schüler eine Skala aufschreibe, spielt er deswegen noch
lange kein gutes Solo, selbst wenn er die zur Harmonie passenden Töne genau trifft. Das Solo wird erst dann inte-
ressant, wenn der Schüler abwechslungsreiche Rhythmen findet. Die guten Improvisateure sind in erster Linie gute
Rhythmiker, die blitzschnell interessante und schlüssige Rhythmen generieren können.

Punkt 2: Harmonien. Landläufig gilt die Melodie als das zentrale Glied der Musik. Dem ist aber nicht so, denn die
Tonskalen leiten sich aus den Gesetzen des Zusammenklangs ab. Die Melodie ergibt sich aus den jeweils am
deutlichsten klingenden Tönen von Harmonien.
Ein Beispiel: Die Schüler kommen reihenweise durcheinander, wenn sie eine Melodie geübt haben, aber deren
harmonischen Zusammenhang nicht kannten. Das ist deswegen so, weil sie einer Melodie innerlich automatisch
einen harmonischen Kontext zuordnen, der dann in den seltensten Fällen mit der konfrontierten Harmonik überein-
stimmt.
Durch das Spielen von Harmonien wird der musikalische Sinn effektiver geschärft als durch das Melodiespiel.

Demzufolge ist das Aneinanderreihen von Akkordgriffen mehr als nur jene populäre Trivialität von Autodidakten.
Es ist eine geniale Therapie für alle musikalischen Schwächen und Minderbegabungen.

Und gleichzeitig ist das "Klampfen" eine Versicherung, dass es im weiteren Verlauf der Ausbildung nicht zu jenem
totalen Zusammenbruch kommt, nach dem dann gar nichts mehr übrigbleibt ( nach dem Motto: "Ich hatte mal als
Kind 5 Jahre Gitarrenunterricht, kann aber nicht einmal ein einfaches Volkslied begleiten.").

Was hält nun die ehrwürdigen Gitarrenpädagogen von dieser Methode ab?

Das erste große Problem sind die Noten, die heilige Kuh aller gestandenen Musiker. Ein durchgeschlagener Akkord
würde die Notation von durchschnittlich 5 Noten übereinander erfordern. Das geht am Anfang didaktisch nicht.
Gemäß dem Leitspruch - Zuerst die Noten, dann die Musik – quält sich der Schüler durch Hilfslinien und Vorzeichen,
bis er nach ein paar Jahren endlich einen Akkord lesen darf.

Fraglos ist eine Notation der Musik im Unterricht unerläßlich. Doch warum muß es unbedingt das herkömmliche
Notensystem sein? Die rhythmische Notation mit Akkordsymbolen reicht ja erst einmal zu. Das Problem bei der Um-
setzung von Noten in Musik liegt eh meist an der zeitlichen Komponente, sprich Rhythmus. Es ist doch für die
Entwicklung eines brauchbaren Notenspiels sehr günstig, wenn sich der Schüler am Anfang vornehmlich auf den
Rhythmus konzentrieren kann.

Desweiteren wird in der "konservativen" Denkweise das gleichzeitige Umgreifen von mehreren Fingern für den
Anfang verworfen, weil es theoretisch viel schwieriger ist als das Melodiespiel, bei dem ja im Grunde nur jeweils
ein Finger bewegt werden muss. Fraglos ist die motorische Leistung bei einem Akkordwechsel größer als beim
einstimmigen Spiel, zudem benötigen wir für einen Wechsel Zeit, die vom jeweils letzten Notenwert stillschweigend
abgezogen wird.
Deswegen ist eine bestimmte Reihenfolge beim Erlernen der Akkorde und Wechsel nötig.
Die ist bei Gitarrero Beginner zu sehen. Und es funktioniert. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass beim
Melodiespiel viel öfter umgegriffen werden muss. Auf den Gesamtablauf eines Stückes gesehen, ist das Melodiespiel
also nervlich anstrengender.

Nächstes Gegenargument: Rhythmusspiel ist monoton, vor allem wenn es keine Melodie dazu gibt.

Nun, dafür können wir die Unterhaltungselektronik gut gebrauchen. Wozu gibt es CD-Player und Multimedia-PCs.
Nutzen wir doch diese Möglichkeiten und simulieren dem Schüler schon beim Üben eine musikalische Situation.
Siehe Gitarrero Beginner.
Das Mitsingen zur Gitarre ist zumindest bei komplexeren Rhythmen schwierig, das muß man zugeben. Aber das kann
im Unterricht der Gitarrenlehrer übernehmen.
Oder verstecken sich manche Gitarrenlehrer zu gern hinter ihrem Instrument?

Ist es vielleicht manchem ambitionierten Profimusiker unter seiner Würde, mit den Anfängern Lagerfeuersongs zu
trellern? Oder denken manche Lehrer nur in den Kategorien, die für ihr künstlerisches und pädagogisches Prestige
nützlich sind? Ist aber ein Schüler mit einem Preis bei "Jugend musiziert" für einen Lehrer ein besseres Aushängeschild
als 10 Schüler, die Straßenmusik machen?

Desweiteren geht es um das Beharren auf dem klassischen Fingeranschlag im Anfangsunterricht.

Wenn man in einem Experiment Gitarrenunkundige auffordern würde, das Gitarrespielen pantomimisch darzustellen,
würden wohl alle als Anschlagsform der rechten Hand eine Pendelbewegung verwenden. Ist es daher nicht ein wenig
paradox, wenn die Anfänger im Anfangsunterricht mit einer völlig anderen Spielweise konfrontiert werden?
Deswegen schlägt man bei mir und in meiner Software Gitarrero Beginner - Gitarre lernen am PC fürs erste mit Plektrum an. Die klassische
Fingerhaltung kann der Schüler dann lernen, wenn er sich dafür interesssiert.

Nebenbei bemerkt: Es kommen auch Leute zu mir, die ganz konkret die klassische Gitarrentechnik erlernen wollen.
Oft haben sie sich mit dem Akkordspiel I. Lage schon beschäftigt und wollen mehr. Ich würde das Verhältnis von
"Klampfern" und klassischen Gitarrenschülern auf 50:50 schätzen. Allerdings wechseln diejenigen, die sich die Konzert-
gitarre leichter vorgestellt haben, später auch gerne wieder zur "Klampfe" zurück. Das gleiche passiert bei E-Gitarren-
schülern.

Mir fällt kein Zacken mehr aus der Gitarristenkrone, wenn ich mit den Gitarrenschülern Reinhard Mey und Nena singe.
Das klingt auf jeden Fall besser als Pflichtklassik. Die Schüler lernen mehr, auch wenn es nicht in Noten, Tonleitern
und Schwierigkeitsstufen meßbar ist. Für die Wirkung von Musik ist es enorm wichtig, dass der Macher nicht über-
anstrengt wird. Musik muss locker sein. Das Erlebnis dieser Leichtigkeit ist beim konservativen Ansatz unwahrschein-
licher. Ich bewerte Musik vor allem danach, ob sich eine gewisse Energie vom Spieler auf den Zuhörer überträgt.
Wenn die ganze Energie in Konzentration und Versagensangst über ein künstlerisch anspruchsvolles Stück gesteckt
wird, bleibt am Ende nichts übrig, was den Zuhörer erreichen könnte. Also was soll’s? Haben wir damit der Kunst
gedient?
Nein, im Gegenteil.


Das Akkordeschrammeln ist aus methodischer und didaktischer Sicht gesehen weitaus besser als sein Ruf in den
Lehrerkreisen. Gitarrenunterricht muss auf die aktuelle Realität des Instrumentes Rücksicht nehmen, um nicht ins
Leere zu laufen. Die Realität besagt, dass die Gitarre als Rhythmus- und Harmonieinstrument verwendet wird, dem-
zufolge muss der Gitarrenunterricht darauf besonders eingehen. Am besten gleich am Anfang, denn die Erwartungen
der Schüler an Spielweise und Klang werden durch die alltägliche Hörerfahrung vorgeprägt. Eine Enttäuschung
dieser Erfahrung kann schwerwiegende Probleme mit sich bringen, was letztlich zum pädagogischen Mißerfolg führt.

Ich würde mich freuen, hiermit eine kleine Diskussion angestachelt zu haben und warte auf Kommentare. Als Diskussionsgrundlage könnte auch die von mir entworfene Software Gitarrero Beginner dienen, die unter
http://www.gitarrero-beginner.de
als Demoversion heruntergeladen oder als Vollversion gekauft werden kann.
Jan Wetzel, Dipl.Mus.Päd. für Gitarre/E-Gitarre, Dresden.